Begriffe & Definitionen

3. Begriffe und Definitionen

3.1. Neuling im Kindergarten - Wer ist neu im Kindergarten?

 

Von großer Bedeutung für die Beobachtungen und Einschätzungen war die Frage, wie lange die Eingewöhnung eines Kindes im Kindergarten dauert. Damit ist nicht die intensive Phase gemeint, die in Begleitung der Eltern vollzogen wird, sondern der gesamte Prozess bis das Kind eine Bindung zur Erzieherin aufgebaut und sich in seiner neuen Gruppe und den neuen Räumen zurechtgefunden hat.

Generell ist zu sagen, dass die Festlegung auf einen bestimmten Wert nur als statistisch durchschnittlich zu sehen ist. Die Eingewöhnung ist bei jedem Kind von individueller Dauer. Sowohl die Anfangsphase in Begleitung der Eltern als auch der weitere Verlauf bis zur endgültigen Eingewöhnung sind abhängig von ganz individuellen aber auch institutionellen Faktoren.

Zu den individuellen Faktoren gehören das Alter des Kindes, sein Charakter, seine Bindungsfähigkeit, bisherige Trennungserfahrungen aber auch die Offenheit der Eltern zum Kindergarten, sowie eventuelle Krankheiten in der Eingewöhnungszeit oder auch Urlaubsfahrten u. ä.. Ebenso von Bedeutung ist die tägliche Dauer des Kindergartenaufenthaltes, in dem Sinne ob ein Kind nur vormittags in den Kindergarten gehen oder ob es ganztägig betreut werden soll.

 

Von Seiten des Kindergartens wird Einfluss genommen durch Arbeitszeiten der Erzieher, Dienstpläne, Krankheiten und Urlaube und damit Vertretungen, Gruppenstärke und Erzieherschlüssel in den Gruppen, sowie Elternarbeit.

Hier kann positiv Einfluss genommen werden. Schon im Vorfeld der Eingewöhnung ist dies durch Einteilung der einzugewöhnenden Kinder auf bestimmte Erzieher und deren Urlaubsplanung, ebenso wie durch Elterngespräche möglich.

 

Für diese Arbeit wurde als Richtwert für als Neulinge zu betrachtende Kinder ein Zeitraum von drei Monaten festgelegt. Alle Kinder, die weniger als drei Monate in die jeweilige Einrichtung gehen, werden als neu angesehen. In der Beobachtung wird die jeweilige Verweildauer, die tägliche Betreuungszeit und das Alter notiert und beachtet.


3.2. Eingewöhnung

 

Als Eingewöhnung bezeichnet man, in Bezug auf den Übergang von der häuslichen Betreuung in den Kindergarten, die Zeit in der das Kind noch keine feste Bindung zur Erzieherin aufgebaut hat und neue Situationen, Räume, Kinder, Abläufe und Regeln kennen und mit ihnen umzugehen lernen muss.

Natürlich ist ein Kind während des gesamten Kindergartenbesuchs neuen Dingen ausgesetzt, solange aber für das Kind keine sichere Basis im Kindergarten besteht, sind diese wesentlich schwieriger zu verarbeiten.

In der Regel dauert die Eingewöhnung zwischen zwei und vier Wochen. Eine feste Bindung zur Erzieherin und damit eine sichere Basis entsteht aber meist erst im Laufe der nächsten sechs Monate. Dies ist abhängig vom Charakter des Kindes, aber auch von seinen Erfahrungen und von den Umständen, die im Kindergarten gegeben sind.

 

3.3. Sensible Phasen

 

Sensible Phasen sind Situationen, in denen es zu einer Stresssituation für das Kind kommen kann. Dies ist der Fall, wenn die Eltern sich vom Kind trennen oder wenn sie es wieder abholen. Während der Eingewöhnungszeit sind aber auch die Mahlzeiten und Pflegetätigkeiten diesen sensiblen Phasen zuzurechnen, da hier normalerweise die Bezugsperson diese durchführt, im Kindergarten aber nun die Erzieherin diese übernehmen wird. Ebenso ist der Mittagsschlaf eine solche Situation, da nun in einem fremden Raum ohne Bezugsperson geschlafen werden soll. In den genannten Phasen kann die Erzieherin Kontakt zum Kind finden und auch Halt geben.

Kritischer sind solche Momente zu beurteilen, in denen das Kind getröstet werden muss. Meist lässt sich ein Kind nur schwer oder gar nicht von einer Person trösten, die ihm noch fremd und unvertraut ist.

 

3.4. Bindung

 

Laut Bowlby ist Bindung bzw. Bindungsbeziehung „eine spezifische Beziehung“ (Laewen 1993, S.10) die „Kinder in den ersten Monaten ihres Lebens zu den Erwachsenen ihrer engsten Umgebung aufbauen.“ (Ebd.)

„Die Bindungstheorie geht davon aus, dass Säuglinge und Kleinstkinder Sicherheit und Vertrauen zu ihren Eltern entwickeln müssen, bevor sie bereit sind, sich in unbekannte Situationen zu begeben, in denen sie auf sich allein gestellt sind.“ (Haug-Schnabel 2007, S. 10) Bindung ist also eine Beziehung die auf Vertrauen aufbaut und Sicherheit gibt.

Mit zunehmendem Alter wird diese sichere Bindung nach und nach „durch Beziehungen zu Gleichaltrigen und Partnerschaften ergänzt.“ (Ebd.)

Laut Haug-Schnabel ist dieses Bindungsverhalten biologisch vorgegeben. Gibt es keine Möglichkeit eine solche sichere Bindung aufzubauen, ist die kindliche Entwicklung in ihrem gesamten Verlauf gefährdet. (Vgl. ebd.)

Die Art und Weise der sich entwickelnden Bindung ist abhängig von der „Verfügbarkeit und Feinfühligkeit der Eltern im Umgang mit dem Kind und hat weit reichende Folgen für seine soziale und Persönlichkeitsentwicklung.“ (Ebd.) Das Kind versucht aktiv diese Bindung aufzubauen, indem es die Nähe der Erwachsenen sucht, auch dann wenn sein Versuch unbeantwortet bleibt. (Vgl. ebd.)

Fazit: „Die Bindungsqualität wird weit gehend von der Feinfühligkeit und emotionalen Verfügbarkeit der Hauptbezugspersonen bestimmt, an die, je nach Temperament des Kindes und familiärer Lebenssituation, unterschiedlich hohe Anforderungen gestellt werden.“ (Ebd., S. 10f.)

Ein Kind kann schon mit wenigen Monaten zwischen verschiedenen Bezugspersonen unterscheiden. Die Hauptbezugsperson ist meist die Mutter. In der Regel kommen noch mehrere Bezugpersonen aus dem näheren Umfeld und der Verwandtschaft hinzu, deren Beziehung zum Kind sehr individuell ist. „Kinder wählen unter den Beziehungsangeboten aus, um unterschiedlich gestaltete, auch unterschiedlich enge Beziehungen einzugehen.“ (Ebd., S. 11)

Die Voraussetzungen für das Entstehen einer sicheren Bindung sind „Zuverlässigkeit und Kontinuität bei liebevoller Pflege.“ (Ebd.) Ebenso entscheidend ist „die Möglichkeit zu regelmäßiger Zwiesprache zwischen Bezugspersonen und Kind“ (Ebd.).

 

3.5. Bezugsperson und sichere Basis

 

Als Bezugsperson wird die Person oder Personen bezeichnet zu dem das Kind eine sichere Bindung aufgebaut hat. Diese Bezugsperson gibt dem Kind Sicherheit, sie ist seine sichere Basis mit deren Hilfe es neue Dinge, Räume oder Personen entdecken und kennen lernen kann ohne große Risiken einzugehen. „Die Eltern bieten als so genannte ‚Bindungspersonen’ den Kindern in Situationen, in denen sie irritiert oder sonst verunsichert sind eine, wie Mary Ainsworth es nennt, ‚sichere Basis’, zu der sie sich zurückziehen und bei der sie neue Sicherheit gewinnen können.“ (Laewen 1993, S. 10)

„In Explorationssituationen entscheiden die Anwesenheit der Bezugsperson, der sicheren Basis, und die Möglichkeit der körperlichen, sprachlichen oder wenigstens visuellen Kontaktaufnahme mit ihr darüber, wie das Kind die Situation einschätzt und seine Aktionen plant. Die erworbene Beziehungsqualität nimmt Einfluss auf die Art und Qualität der Informationsaufnahme, sie gibt Strukturen vor, wie mit Neuheit und Komplexität umgegangen wird.“ (Haug-Schnabel 2007, S. 24)

„Ereignet sich etwas Unerwartetes oder zeigt sich etwas Unbekanntes, schaut das Kind die Bezugsperson an und versucht mit Hilfe ihres Gesichtsausdrucks (aufmunternd oder warnend) die Lage einzuschätzen. Je nachdem traut es sich, weiter zu erkunden oder unterlässt dies, kommt notfalls sogar angerannt.“ (Ebd., S. 48)

Diese soziale Bezugnahme ist „eine hoch effiziente Möglichkeit akut Informationen zur Situation einzuholen und zu überprüfen, ob die eigenen Empfindungen und die der Bezugsperson übereinstimmen.“ (Ebd.)

Die Bezugsperson kann dieses Verhalten durch Aufmerksamkeit und Reagieren unterstützen.

 

Soll das Kind eine neue, zusätzliche Bezugsperson in einem ihm ebenso neuem Umfeld akzeptieren, so ist eine „durch vertraute und neue Bezugsperson gemeinsam abgesicherte Eingewöhnung“ (Haug-Schnabel 2007, S. 11) unumgänglich. Nur durch die neu aufgebaute Bindung kann das Kind die Trennung von der Hauptbezugsperson ohne Stress und Trauer bewältigen. Der Aufbau dieser neuen Bindung verläuft ebenso nach oben beschriebenem Schema. Feinfühligkeit, Aufmerksamkeit und Zuwendung sind die Voraussetzungen.

 

3.6. Unsichere Bindung vs. Sichere Bindung

 

Kinder wenden beim Bindungsaufbau und in der späteren Beziehung das bereits bekannte und verwendete „Arbeitsmodell von Beziehungsqualität“ (Haug-Schnabel 2007, S. 11) an. Dies gilt für die Erzieherin als neue Bezugsperson, aber auch für Gleichaltrige.

„Unsicher gebundene Kinder können durch ihr Verhalten Gefühle der Abneigung ihnen gegenüber und eine mögliche Zurückweisung durch andere Kinder und die Erzieherin oder Tagesmutter geradezu heraufbeschwören.“ (Ebd., S. 12). Sie tun dies nicht, um sich selbst zu schaden, sondern weil dieses Verhalten für sie das Gewohnte ist. „Mit Zurückweisung kennen sie sich gut aus.“ (Ebd.)

Es ist hier von Seiten der Erzieherin unbedingt nötig, dieses Verhalten richtig einzuordnen und eine für das Kind gewohnte Reaktion zu zeigen. „So können sie dazu beitragen, dass die Kinder korrigierende und nicht ihre Bindungsunsicherheit bestätigende Erfahrungen in der Tageseinrichtung oder der Tagespflege sammeln.“ (Ebd.)

 

Sicher gebundene Kinder haben überwiegend und zuverlässig feinfühlige Erfahrungen mit ihrer Bindungsperson gemacht. Während unsicher gebundene Kinder eher zurückweisende oder ignorierende Erfahrungen bzw. inkonsistente elterliche Feinfühligkeit und Verfügbarkeit erlebten. (Vgl. Ziegenhain 2000, S. 178)

„Vermeidendes Verhalten wurde danach als ein strategischer Kompromiß zwischen der Aktivierung ihres Bindungssystems und dem damit verbundenen Bedürfnis nach Nähe und Kontakt auf der einen Seite und der drohenden Zurückweisung durch die Bindungsperson interpretiert.“ (Ebd., S. 185)

 

Bei einer sicheren Mutter-Kind-Bindung ist eine „anwesende Mutter auch psychologisch verfügbar und kann dem Kind emotionale Sicherheit bieten sowie Belastungen minimieren helfen, wenn das Kind in Unsicherheitssituationen gerät.“ (Ahnert 2000, S. 192) Die „entwickelte emotionale Sicherheit (kann) diesen Kindern auch helfen (…), mit der mütterlichen Abwesenheit besser umzugehen.“ (Ebd., Einfügung und Kürzung: Romy Hickethier)